Nach vielen Romanen erwachte doch wieder der Blutdurst in mir und französische Thriller sind mir spätestens durch „Die purpurnen Flüsse“ sehr sympathisch. Wie wir natürlich alle wissen, sind Franzosen durch und durch elegant und kultiviert – und genau so töten sie auch. Immer mit dem feinen Gespür für Ästhetik und Höflichkeit. „Verzeihen Sie vielmals die unerwartete Störung, aber darf ich Ihnen vielleicht den Hals durchschneiden?“ – „Oh, ouiiiiii, Monsieur! Aber lassen sie mich erst ein Plane auslegen, damit ich nicht den guten Teppich verunstalte. Das kriegen Sie ja sonst nie wieder heraus!“ So soll es sein!

Wie schaut’s aus? 

Ein paar Holzpfähle ragen aus einem düsteren Gewässer… die Farbgebung und die Schattierungen sind durchaus stimmungsvoll, aber das Bild nur semi-passend zum Inhalt.

Minier - Kindertotenlied

Ich mag’s!

Was steckt drin?

In der Universitätsstadt Marsac in Südfrankreich geschieht ein grausamer Mord an der jungen Lehrerin Claire Diemar. Nachdem ihn seine alte Jugendliebe Marianne zur Hilfe gerufen hat, übernimmt Kommissar Martin Servaz den Fall. Denn am Tatort wurde Mariannes völlig verstörter Sohn Hugo gefunden, gleichzeitig Schüler Claire Diemars, der sich an die letzten Stunden nicht mehr erinnern kann und scheinbar unter Drogen gesetzt wurde.

Doch noch etwas anderes erregt Servaz‘ Aufmerksamkeit: Als die Polizisten am Tatort eintrafen, erklangen aus der Steroanlage des Opfers laut Gustav Mahlers „Kindertotenlied“, das Lieblingsstück des aus der Psychiatrie entflohenen Serienmörders Julian Hirtmann. Während Hugo aufgrund der Beweislage in Untersuchungshaft genommen wird, läuft Servaz die Zeit davon, dessen Unschuld zu beweisen und Hirtmann zu ergreifen, bevor er die nächste Tat begeht. Doch ist es wirklich Hirtmann der ihm hier eine Nachricht zukommen lässt? Oder ist Servaz nur eine Marionette in einem anderen teuflischen Plan…

Ist der Plot durchschaubar?

Kann ich nicht behaupten. Seit langem hat mich mit „Kindertotenlied“ mal wieder ein Buch bis zum Ende rätseln lassen. Denn obwohl ich nach und nach Teile des Plots durchschaut habe, wartete das Finale sogar mit mehr als einer Überraschung auf. Groß! Ar! Tig!

Was bleibt hängen?

Er machte noch einen Schritt und zuckte unwillkürlich zurück. Da war sie – und sie sah ihn aus ihren weit geöffneten blauen Augen an, als hätte sie ihn erwartet. Auch ihr Mund stand offen, sie schien etwas sagen zu wollen. Aber das war natürlich unmöglich, denn dieser Blick war tot. Nichts lebendiges stand mehr in ihm.

Kann das weg?

Nein. Bernard Minier hat einen fesselnder Thriller geschrieben, der die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten weiß. Dabei verzichtet er größtenteils auf plakative Gewaltdarstellungen, denn der Reiz von „Kindertotenlied“ liegt mehr in der Offenlegung der versteckten Geheimnisse. Und davon gibt es wahrlich genug! Zudem versteht sich Minier wunderbar darauf, mit dem Leser zu spielen: Hat man sich auf einen Verdächtigen als Täter festgelegt, kommt schon der nächste um die Ecke. Denkt man so langsam, man hätte das Motiv verstanden, macht die nächste Entdeckung die Theorien schon wieder zunichte. So macht Spannung Spaß!

Sprachlich gibt es zudem überhaupt nichts auszusetzen, es liest sich flüssig und wirkt nirgendwo konstruiert oder unüberlegt. Gut, wahrscheinlich hätten es auch 100 Seiten weniger getan, der Anfang schleppt sich etwas, aber spätestens ab Seite 101 geht man dann widerstandslos mit Kommissar Servaz auf Mörderjagd.

Für alle, die gerne chronologisch vorgehen: „Kindertotenlied“ ist zeitlich nach „Schwarzer Schmetterling“ anzusiedeln. Und es lohnt sich definitiv, mit dem ersten Werk anzufangen.

Cui bono?

Fans von Jean-Christophe Grangé, Freunde spannender Thriller, die gerne bis zum Ende mitermitteln.

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