Claus Probst ist Psychiater, was sicherlich einer der Berufe ist, in dem man am meisten Stoff für abgedrehte Geschichten zu hören bekommt. Wie etwa auch Polizisten und Anwälten begegnen ihnen tagtäglich Offenbarungen von menschlichen Makeln, die die Fantasie des Einzelnen wahrscheinlich weit übertreffen.

Aber befähigen diese Berufe auch gleich zu einer Schriftstellerkarriere? Nur weil ich eine gute Geschichte kenne, bedeutet es ja nicht gleichzeitig, dass ich sie auch publikumswirksam erzählen kann. Anders als Journalisten, deren Metier es ist, die gehörten Geschichten zu Papier zu bringen, bewegen sich Psychiater da doch sehr weit abseits ihres eigentlichen Betätigungsfeldes.

Nun, finden wir es doch einfach heraus!

Wie schaut’s aus?

Ich mag ja diesen Reliefdruck sehr gerne, der hier bei den Klebestreifen angewendet wird. Wieder ein Plus entgegen einer digitalen Ausgabe, wo das haptische Erlebnis jedes Mal das gleiche ist.

Probst - Nummer Zwei

Nichtsdestotrotz leuchtet mir das Gesicht darauf nicht ein. Wer benutzt denn so viel Schminke, dass da gleich alles hängen bleibt?

Was steckt drin?

In Mannheim und Umgebung treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der seine weiblichen Opfer entführt, tagelang quält und ihre Leichen nackt und in eindeutiger Pose an öffentlich zugänglichen Orten drapiert, um sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit durch die Medien zu befriedigen.

Als die Mannheimer SoKo nicht weiterkommt, wird LKA-Hauptkommissarin Lena Böll extra von einem Lehrgang aus Los Angeles abkommandiert, um den auf der Stelle tretenden Kollegen bei der Jagd nach dem brutalen Mörder zu helfen. Doch als die Leiche des vierten Opfers verschwindet und somit die erhofften Medienberichte ausbleiben, nimmt der wütende Täter direkten Kontakt zu Lena Böll auf. Anstatt nur einen Serienmörder zu jagen, muss sie sich jetzt auch noch auf die Suche nach einem Leichendieb – und eventuellen Leichenschänder – machen, während die Lage langsam eskaliert…

Ist der Plot durchschaubar?

Grundsätzlich liegt hier kein klassischer „Rate mal, wer der Mörder ist“-Plot vor. Wir beobachten eher eine Eskalation der Dinge, die zudem nicht unbedingt nachvollziehbar ist. Durchschaubar ist hier nur wenig, aber gut ist das dadurch leider auch nicht..

Was bleibt hängen?

Einmal mehr fiel ihm auf, wie angreifbar sie wirkte. Ohne Zweifel eine der schönsten Frauen, die er jemals kennengelernt hatte, ein erstaunliches Kunstwerk der Natur, aber dem äußeren Anschein nach viel zu klein und zerbrechlich für diesen Job.

Er wusste nur zu gut, wie sehr dieser Eindruck täuschte. In ihrem Inneren war sie stark und schlau und gefährlich für jeden, der sich mit ihr anzulegen versuchte.

Eine unglaublich gute (wunderschöne) Profilerin ist Lena Böll natürlich nur, weil sie auch ein gefährliches Wesen in sich verbirgt. Ich spüre schon, wie ein Schaudern mich überkommt… ach nein, war nur ein Gähnen.

Kann das weg?

Das Schleudertrauma vom Kopfschütteln sagt eindeutig: ja. Ich weiß nicht, ob das spätspätpubertäre Einflüsse oder schon die mit wahnwitziger Geschwindigkeit dahinjagende Midlife Crisis bei Herrn Probst waren, aber ich hoffe, dass seine Tastatur wenigstens spritzwassergeschützt ist, so viel wie er beim Gedanken an seine Hauptkommissarin gesabbert haben muss. Ein endloses Geseiere, wie attraktiv, intelligent und stark Lena Böll doch ist, gipfelt in der Szene, als der Vater des vierten Opfers ihr auf die Brüste starrt und nur daran denken kann, wie schön sie doch ist, während sie ihm erzählt, dass sein Kind ermordet und ihre Leiche von einem anderen Freak gestohlen wurde. Also… ernsthaft? (Und das ist nur dezent an der Oberfläche gekratzt, wo das herkommt, gibt’s noch einiges mehr.)

Allein die Hauptperson so völlig zu überzeichnen, ruiniert das ganze Buch. Aber dabei wollte es Herr Probst nicht belassen: Unsinnige Verhaltensweisen der Nebenfiguren, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, Fräulein Böll gut dasteht zu lassen, Dialoge, die einen Ausdruck panischer Desorientierung im Gesicht des Lesers hinterlassen, völlig hanebüchene Pseudo-Polizeiarbeit… zumindest ergibt das ganze ein rundes Bild. Nur empfehlenswert ist es eben nicht.

Cui bono?

Wer die überzeichneten Figuren von Cody McFadyen mag und nicht viel Wert auf gesunden Menschenverstand legt, dem könnte „Nummer Zwei“ vielleicht sogar gefallen.

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