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Gondwana ist einer der Urkontinente unserer Erde, der vor circa 100 Millionen Jahren in die Teile der südlichen Erdhalbkugel auseinanderbrach. Dort gab es nichts, womit wir uns heute herumschlagen müssen, ein Ort frei von menschlichen Sorgen, von menschlichem Neid. Frei von menschlichem Hass gegenüber Andersdenkenden, Andersfarbigen, Andersliebenden und allgemein Anderslebenden.

Mit der Evolution des Menschen änderte sich dies schlagartig. Menschen streben immer nach Höherem, sind selten zufrieden, neiden dem Anderen, was er erreicht hat, halten das, woran sie glauben, für das einzig Richtige und das, woran die Anderen glauben, für den größten Schwachsinn. Somit ist das unberührte Gondwana wohl ein naheliegender Handlungsort für einen Kampf zwischen Religionen und Atheismus, auch wenn dieser mit reichlich Southern Comfort geführt wird…

Wie schaut’s aus?

Ein Atompilz der Popkultur über einer kleinen Südseeinsel… dezent geht anders, aber ich mag’s!

Simon Urban - Gondwana

Was steckt drin?

Auf der Insel Gondwana ist das Undenkbare geschehen: Ein Mord. Hier auf diesem Eiland, wo sich die vier großen monotheistischen Weltreligionen in ihrer Koexistenz akzeptieren und zum ersten Mal seit ihrer Gründung Kompromisse geschlossen werden, um alle Gläubigen zu vereinen, kann diese Tat alles zerstören und die Religionen wieder in einen Kampf gegeneinander treiben.

Inspector Platon Ahorn wird vom Festland eingeflogen, um verdeckt zu ermitteln und den Mörder noch rechtzeitig vor den Festlichkeiten zum Day of Faith zur Strecke zu bringen, ohne dass die Einwohner Gondwanas auch nur ansatzweise etwas davon mitbekommen. Leider teilt Ahorn nicht gänzlich den Glauben der Inselbewohner. Nun… eigentlich überhaupt nicht. Als fundamentaler Atheist fällt es ihm relativ schwer, den Frieden zu bewahren… oder auch nur sein loses Mundwerk zu halten. Während Ahorn auf seiner Mörderjagd im Einfluss der Insel immer wahnwitziger und paranoider wird, kommt der Day of Faith mit großen Schritten näher…

Ist der Plot durchschaubar?

Gott sei dank nicht! Die Auflösung hat mir sehr gefallen, denn diese war für mich nicht wirklich vorherzusehen und trotzdem schlüssig. Schlüssig in einer sehr ausgefallenen Dimension, aber nicht hanebüchen oder konstruiert wirkend.

Was bleibt hängen?

„Du lässt es dir gut gehen und definierst Mitläufertum als subversiven Widerstand?“

„In etwa. Das ist es doch, was Politik heute bedeutet, oder? Den eigenen Wanst streicheln und sich dabei wahnsinnig kritisch vorkommen.“

Ich hätte hier mehr als ein Dutzend Textstellen präsentieren können, wahrscheinlich auch einige bessere, aber ich fand diesen Dialog so schön treffend…

Kann das weg?

Um Gottes WIllen, nein! Simon Urban ist ein wundervolles Stück Pop-Literatur gelungen, eine Religionssatire gepflastert mit bissigem schwarzen Humor und doch stellenweise tiefgreifend-philosophisch. Stellenweise auch tiefgreifend-psychotisch, aber das muss ja nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sein. Religion ist nunmal ein streitbares Thema und Platon Ahorn ist ein streitbarer Mann, der absolut nicht frei von menschlichen Fehlern ist.

Das Zusammenspiel mit den Comic-Zeichnungen von Ralph Niese, die an manchen Stellen den Text ersetzen, funktioniert, durch die Visualisierung wirkt das Buch auch ein wenig plastischer. Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, das soll schon was heißen. Okay, ich saß 11 Stunden lang in einem Flugzeug, aber… trotzdem. Das Bord-Entertainingsystem konnte mir gestohlen bleiben, zu gut habe ich mich von Simon Urban unterhalten gefühlt!

Cui bono?

Natürlich sämtliche Atheisten, aber auch humorvolle, sehr tolerante Gläubige, Fans von Chuck Palahniuk oder Matt Ruff und alle, die einfach mal etwas ganz anderes lesen wollen.

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