Matthias Keidtel – „Karaoke für Herta“ – rütten & loening, 2014

Es ist nicht einfach, immer einen einleitenden Text zu jedem Buch zu schreiben… gerade, wenn man es sich nicht selbst ausgesucht hat. Und man kann ja nicht einfach nur zeilenweise Kokolores schreiben oder um den heißen Brei herumreden, um ein bisschen Text vollzubekommen. Das geht nicht!

Oder doch? Angenommen, ich schreibe ganz viel und sage eigentlich nichts, ist das dann moralisch verwerflich? Geht es denn nicht nur um das geschriebene Wort an sich, die wichtigste Erfindung der Menschheit? Der Nährboden der Zivilisation, die Eizelle der Bürokratie, die Geißel aller Schüler? Wäre es denn so viel schöner, wenn ich mit Kartoffeldruck abstruse abstrakte Figuren auf mein Tablet stempeln würde? Ich sage: Nein! Jedes geschriebene Wort ist ein Wort, das gelesen wird und somit unserem Gehirn Futter gibt, damit es nicht verhungert. Also verzeiht, dass ich nur um des Schreibens Willen schreibe und guten Appetit!

Wie schaut’s aus?

Nun… ich halte mich da mal lieber zurück, leider kenne ich mich mit Cartoons für Senioren nicht so gut aus…

Matthias Keidtel - karaoke fuer herta

 

Was steckt drin?

Norbert ist mit 70 endlich in Rente gegangen und möchte sich nun daran machen, seine Fernsehturmsammlung zu vervollständigen. Doch bevor er sich überhaupt an die viele Freizeit gewöhnen kann, beschließt seine Mutter Herta, dass er jemanden braucht, der sich um ihn kümmert und stellt ihn vor vollendete Tatsachen: Sie zieht bei ihm ein. Als Norbert kurz darauf im Krankenhaus wieder aufwacht, nährt sich in ihm kurzzeitig die Hoffnung, er hätte alles nur geträumt. Doch selbst eine kurzfristig vorgegaukelte Psychose kann ihn jetzt nicht mehr retten.

Ab sofort teilt er also seine 3-Zimmerwohnung mit seiner 89jährigen Mutter. Doch damit nicht genug, Herta zwingt ihn auch noch dazu, Frauen kennenzulernen, damit auch nach ihrem Dahinscheiden (auch wenn Norbert bezweifelt, dass es überhaupt noch irgendwann eintritt) jemand da ist, der Norbert zur Seite steht. Anfangs spielt Norbert noch mit, ganz der liebe Sohn, aber als sie es schließlich wagt, seine heißgeliebte Fernsehturmsammlung in den Müll zu werfen, ist das Maß voll. Er muss zu härteren Bandagen greifen…

Was bleibt hängen?

Wenn er nicht aufpasste, hatte er die Frau dauerhaft am Hals. Er hatte schon mal den Fehler gemacht, eine verwirrt wirkende Frau auf der Straße freundlich zurückzugrüßen. Seitdem verfolgte sie ihn, nannte ihn „mein lieber Willi“, lüpfte unvermittelt ihr Kleid und wollte ihn schließlich sogar heiraten. Es hatte Wochen gedauert, bis sie ihren Heiratsantrag wieder zurückgenommen hatte.

Kann das weg?

Ja. Okay, „Karaoke für Herta“ ist „ganz nett“, aber auch nur ganz selten ein sachtes Schmunzeln verursachend und zu größten Teilen ein alter Hut. Wahrscheinlich bin ich aber auch nicht die richtige Zielgruppe, meiner Meinung nach ist das Buch eher für die Generation ab 60 geeignet.

Zeitweilig erscheint es etwas Loriot-lastig, als wäre Keidtel darum bemüht, hier eine Parallele zu erschaffen. Auch scheint der Verlag genau darauf abzuzielen, schmückt das Backcover doch den Titel „Mutter ante Portas“. Grundsätzlich halte ich es für äußerst unglücklich diesen Vergleich noch selbstständig zu befeuern, denn den Erwartungen mit Vicco von Bülow mizuhalten, kann man beim besten WIllen nicht gerecht werden. Noch nicht einmal annähernd.

Und so fehlt Keidtel auch diese präzise Situationskomik, die einen jeden Loriot auszeichnet, wodurch das ganze Buch sehr auf Klamauk getrimmt und konstruiert wirkt. Herausgekommen ist schließlich ein seicht satirischer Roman über Muttersöhnchen und verpasste Chancen.

Cui bono?

Freunde (Ü60) nicht allzu anspruchsvoller Satire, Enkelkinder, die ein Buch als Geschenk für ihre Oma suchen, die nicht allzu viel liest…

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Tobi Katze – „rocknrollmitbuchstaben“ – Blaulicht-Verlag, 2012

Viele mögen denken, ein Leben als populärer Kritiker wäre ein Fest, quasi eine niemals endende Silvesterparty auf dem Times Square der Literatur. Die liegen aber – wenn auch relativ knapp – daneben. Denn zu den Freuden des Lesens kommt tatsächlich noch eine Menge Arbeit hinzu, gerade, wenn man jetzt nicht ganz so populär ist und eigentlich auch überhaupt gar nicht, man sich also mit ganz gewöhnlicher Arbeit sein Knäckebrot verdienen muss. Vollkorn. Selbstverständlich zaubert es mir dann kein erfreutes Lächeln auf die ausgetrockneten Lippen, wenn ich bei 48 Grad (also… circa, könnten auch 47 Grad gewesen sein) 7 Stunden in einer Schulung sitzen darf und mir zwischendurch ein verärgerter Autor eine kurze Notiz zukommen lässt, warum zum Klabautermann ich sein Buch noch nicht rezensiert habe. Nun ja, weil ich in den letzten Monaten zu viel mit Organdiebstahl und dem Aufbau meiner eigenen Diktatur in Südamerika beschäftigt war. Im Wechsel. Da gibt es gewisse Überschneidungen. So oder so sollte man mit blutigen Händen nicht lesen… stell doch nicht so blöde Fragen!

Man muss dem Herrn Katze (Name von der Redaktion vergessen zu ändern) aber natürlich zugute halten, dass er so ein karges Arbeitsleben vielleicht noch nicht selbst genießen durfte. Und meins begann noch in Kindertagen, als ich kurz nach dem Krieg morgens – und im Winter! – mit dem Bollerwagen losgezogen bin (die Winter waren früher auch viel kälter, Schneewehen so hoch wie Nepal, ist kein Vergleich zu den neun Monaten herrlichem Herbst, die wir neuerdings am Stück haben), um in Wuppertal an Grundschulen Raubkopien von ???-Kassetten zu vertickern… um meine Familie über Wasser zu halten… meine Eltern… und die 15 Geschwister… 15linge… Kevin, Justin, Cedric, Jeremy-Pascal, Horst-Kewin, Prince-Johnny, Verdammt, Mir, Fallen, Keine, Bescheuerten, Namen, Mehr, Ein, !. ! hatte es sehr schwer in der Schule, weil alle seinen Namen falsch aussprachen… er änderte ihn später in (!), allein schon um die Aggression aus der Intonation zu nehmen, damit die Türsteher vor den Diskotheken ihn nicht jedesmal brutal zusammenschlugen, wenn er seinen Ausweis vorzeigen und danach seinen Namen buchstabieren musste. Allerdings war er auch der Einzige, der zur Schule ging… die anderen wurden von meiner Mutter zu professionellen Maultrommelspielern ausgebildet, doch die Erfindung des Techno kam ihnen zuvor und so schlossen sie sich später herummarodierenden Banden von Panflöten-Inkas an. Seitdem dürfen diese nicht mehr in Fußgängerzonen auftreten. Mein Vater trug derweil psychotische Zwergpinscher älterer Damen an Hello Kitty Auslegware vorm Kik vorbei, um ab und zu ein Leckerli als Belohnung zu erhalten, von dem wir dann abends alle satt werden mussten. Nur der Erfindung von Zahnpflege-Kauknochen verdanke ich übrigens meine gesunde Mundflora.

Schicksale wie diese kennt ein erfolgsverwöhnter, von Groupies angehimmelter und mit Geld überschütteter Poetry Slammer natürlich nicht. Und wenn man dann noch Bücher in einem Weltverlag schreiben kann, anstatt die harte Arbeit des kleinen Mannes tun zu müssen… dann reagiert man halt mal ungehalten, wenn man, nach einer durchkoksten Partynacht mit drei Topmodels, in Dieter Bohlens Biomüllcontainer aufwacht. Aber genau hier wird das Leben eines Kritikers dann doch zum Fest… ob nun populär die Massen bedienend oder allein für sich selbst rezensierend: Ein schöner Verriss hat noch jedem gepeinigten Kritiker ein bittersüßes Lächeln auf die Lippen gezaubert… wollen wir mal sehen, wie viele Leben die Katze wirklich hat…

Wie schaut’s aus?

So.

Tobi katze - rocknrollmitbuchstaben

Eine Backsteinmauer, die am Boden Sicht auf LSD-getränkte Texte offenbart… trifft den Inhalt irgendwie ziemlich gut, möchte ich aber jetzt auch nicht unbedingt als Poster in meiner Toilette hängen haben.

Was steckt drin?

Ein Vorwort von Torsten Sträter. Genial!

Ach, und noch so 44 Texte und Gedichte von Tobi Katze. Von der ersten großen Liebe, über eine 20jährige Fahrt samt Eheschließung mit der Deutschen Bahn, bis zu starkem Drogenkonsum, außerirdischen Vermietern und laminierten Goldhamstern ist hier eigentlich alles geboten, was ein Buch braucht. Oder RTL2 für ihr Nachmittagsprogramm.

Was bleibt hängen?

Mit gefühlten 120 Kilo Gepäck auf den Knien bis zum Sonnenuntergang in einem unklimatisierten Ford Fiesta über kadaververkrustete Autobahnen brettern, bekleidet in zu kurzen Hosen, die auch den charmantesten jungen Herrn wie einen vorbestraften Sextouristen aussehen lassen, sich an Autobahnraststättentoiletten die aus dem völlig plattgedrückten Brötchen gefallenen Fleischsalatreste in einer menschenunwürdigen Pose halb auf das urinverkrustete Spülbecken gekniet aus der Hose rubbeln, danach noch schnell ein Plüschtier für freundlich geschätzte 35 Euro kaufen, weil auf halber Strecke die Sedativa für die Kinder ausgegangen sind und grad kein Arzt in der Nähe zu sein scheint, der für einen kleinen Obulus auf die nervigen Fragen verzichtet und ein Rezept ausstellt.

Ja, das ist ein Satz. Herrlich, wie Tobi Katze auch alltägliche Situationen, wie einen ganz typischen Familienurlaub mit eigenem Auto, nur ein klitzekleinwenig überspitzt dargestellt hat.

Kann das weg?

Natürlich! Nicht. Obwohl ich mich extra kindlich-bockig negativ eingestellt hatte, hat Herr Katze mich positiv überrascht. Gut, er hat mich nicht durchgehend zum Lachweinen gebracht, wie der Herr Sträter, aber dafür ist seine überdrehte und intelligente Art, sozialkritisch und trotzdem komisch unsere heutige Gesellschaft zu durchleuchten, sehr charmant. Seine Mischung aus wirren Absurditäten und bewegendem Tiefgang lässt nirgends Langeweile aufkommen, auch wenn zugegebenermaßen nicht jeder Text große Kunst ist .Aber es sind wahrhaft kleine Schätze zu finden, die einen sehr lachen lassen, nachdenklich machen oder auch gerne beides zugleich. Also… sehr nachdenklich lachen lassen. Ha ha… ha? So in etwa.

Tobi Katze hat einen guten Blick für die heutige Generation, ich habe mich in seinen Texten wiedergefunden, auch wenn dafür manchmal große Mengen synthetischer Drogen vonnöten waren. Er schreibt mit Verve und nimmt kein Blatt vor den Mund, spielt mit einzelnen Worten und der gesamten Sprache und formt sich daraus eine Welt nach seinen eigenen Vorstellungen. Und verdammt, ich mag seine Gedichte! Das allein soll schon was heißen…

Cui bono?

Fans abgedrehter Anekdoten, Kinder der 80er, die Facebookgeneration, heutige Jugendliche, die nicht mehr ein ganzes Buch lesen können und an den kurzen Geschichten ihre wahre Freude haben werden und auch durchaus Freunde moderner Lyrik.

Angelika Svensson – „Kiellinie“ – Knaur, 2014

(Ich merke gerade, es spricht viel dafür, vor dem Erwerb eines Buches die Klappentexte zu lesen.) Hab ich aber nicht. Und so klang die Mail vom Knaur Verlag, dass ein neuer Kiel-Krimi erscheint, auf den ersten Blick halt recht verlockend. Auch wenn ich bei Frauen-Krimis immer erst einmal skeptisch bin. Hat gar nichts mit Vorurteilen zu tun, aber ihr müsst zugeben, dass das manchmal echt schlimmster Kitsch und so gar nicht Männer-kompatibel ist.

Aber warum sollte mich nicht jemand aus unserem schönen Norden ähnlich ansprechen wie eine Tana French oder eine Malla Nunn? (Verdammt, ich hätte wirklich den Klappentext lesen sollen…)

Wie schaut’s aus?

Nun, für alle Kieler wahrscheinlich gänzlich ohne Wiedererkennungsfaktor, aus dem relativ unwichtigen Grund, dass das Foto keinen in Kiel bekannten Ort darstellt. Aber ansonsten ja ganz nett und unaufgeregt.

Svensson - Kiellinie

„Ein Fall für Kommissarin Sanders“ ist aber doch etwas hochgestochen, bei einem Erstlingsroman, von dem man nicht einmal weiß, ob sich eine Fortsetzung lohnt.

Was steckt drin?

Da der diensthabende Kollege nicht zu erreichen ist, muss Hauptkommissarin Lisa Sanders sich von Sylt aus auf den Weg machen, um einen Mordfall mit einer unbekannten Toten in Kiel zu übernehmen. Als sie schließlich eintrifft, ist die Leiche schon in der Gerichtsmedizin und der neue Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Freiherr von Fehrbach außer sich, ob des späten Eintreffens der Polizistin.

Im Leichenschauhaus kommt es für Lisa Sanders dann noch schlimmer, handelt es sich bei der Toten doch um die Tochter ihres besten Freundes, Kerstin Wiesner, die sie eigentlich in Amerika wähnte. Schlagartig mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, kommt sie langsam den dunklen Geheimnissen in der Familie der Wiesners auf die Spur, die damals zur Flucht der 12jährigen Kerstin zur Verwandschaft in Amerika geführt hatten. Und auch der neue Staatsanwalt scheint nicht gänzlich ehrlich zu sein…

Ist der Plot durchschaubar?

Ja, auch wenn man sich in diesem ganzen Wirrwarr manchmal zwanghaft daran erinnern muss, was denn eigentlich der Plot ist. Schon weit vor dem Ende war mir klar, worauf es hinausläuft, auch wenn ich ganz ehrlich sagen muss, dass mich das Ende des Buches trotzdem noch überrascht hat. Das war schon eine Meisterleistung, eine ausufernde und langatmige Vorgeschichte am Ende so kaltblütig und hanebüchen in ein kurzes Finale zu pressen.

Ohne gehässig wirken zu wollen, erweckt das doch ein bisschen den Eindruck, das Buch sollte noch rechtzeitig vor der Kieler Woche erscheinen, damit die lieben Touristen die Absatzzahlen ein wenig ankurbeln können…

Was bleibt hängen?

Abrupt schreckte sie hoch und schien im ersten Moment nicht zu wissen, wo sie war. Doch dann kam die Erinnerung zurück, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Er wollte sie in den Arm nehmen, aber sie stieß ihn zurück und lief in den Garten hinaus.

Die gute Hauptkommissarin Sanders läuft durchaus gerne weinend weg. Was ja auch einer langgedienten Polizistin mal passieren kann, wobei sie bei dieser Häufigkeit vielleicht doch lieber über einen Jobwechsel nachdenken sollte.

Kann das weg?

Ja! Klar, als Urlaubsliteratur für die durchschnittliche Hausfrau aus Bottrop – die sonst nur wöchentlich die Forstsetzungsromane in der neuen „Petra“ liest – sicherlich ganz unterhaltsam, wenn sie mit Kind und Kegel in Kiel und Umgebung Urlaub macht. Aber nichts für Kieler und schon gar nichts für Freunde guter Literatur. Eher ein Buch, dass man generös im Hotel seiner Wahl zurücklässt, damit auch andere Gäste in dessen Genuss kommen können…

Stylistisch ist das ganz harter Tobak, Absätze werden aneinandergeklatscht, dass man manchmal nicht mehr weiß, wer jetzt wo ist und – verdammt noch mal – warum eigentlich? Und wer ist das eigentlich noch mal? Es gibt keinen roten Faden, der auch nur ansatzweise Spannung erzeugen könnte. Situationen entstehen aus dem Nichts, auch weil sie völlig abstrus und konstruiert sind, und werden ebenso schnell nach zwei Sätzen wieder beendet. Das Finale auf der Kieler Woche ist zudem eine Farce, die ihresgleichen sucht.

Jede der Hauptpersonen hat zudem mindestens drei Schicksalsschläge zu verkraften, der Fokus ist hier ähnlich einer Telenovela eher auf die persönlichen Umstände der Protagonisten als auf die Aufklärung des Mordes gelegt. Der ist tatsächlich eigentlich nur das notwendige Konstrukt, das die Geschichte einer hübschen Polizistin in den besten Jahren, die von drei Männern gleichzeitig begehrt wird, ummantelt… och, bitte!

Ich habe mich vorab noch gefragt, warum die gute Frau Waitschies sich eines Pseudonyms bedient (außer dem offensichtlichen Grund, mit „Svensson“ auf die Skandinavienwelle aufzuspringen), allerdings kann ich ihre Entscheidung nach der Lektüre gut nachvollziehen. Ich würde auch lieber nicht damit in Verbindung gebracht werden wollen.

Cui bono?

Frau Kaschulke aus Bottrop. Greifen Sie zu.

Daniel Friedman – „Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten“ – Aufbau Verlag, 2014

Rentner scheinen mittlerweile nicht nur als Film-, sondern auch als Romanhelden neue Popularität zu genießen, nicht zuletzt hat es „Der 100jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ja an die Spitze der Bestseller-Liste geschafft. In Anbetracht des demografischen Wandels, den die Bevölkerung der Industriestaaten im letzten Jahrhundert begonnen hat, wohl eine naheliegende Entwicklung.

Hollywood hat es mit alternden Stars vorgemacht, die zumeist eine komödiantische Rolle einnehmen durften. Doch immer mehr werden auch hier die trotz Alter unnachgiebigen Typen bemüht, siehe einen Clint Eastwood in „Gran Torino“ (nun gut, ein Clint Eastwood passt auch nur bedingt in Komödien). Und wer hätte es für möglich gehalten, auch für „Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten“ sind die Filmrechte bereits verkauft! Allein der Titel ruft doch schon: Mr. Eastwood, übernehmen Sie! Obwohl… lebt Charlton Heston eigentlich noch?

Wie schaut’s aus?

Wenn man einen solch langen Titel vernünftig unterbringen möchte, bleibt nicht mehr viel Platz für anderen Schnickschnack. Schlicht und trotzdem interessant, ich mag’s!

Friedman - Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten

Was steckt drin?

An seinem Sterbebett erzählt Jim Wallace seinem ehemaligen Kriegskameraden Buck Schatz, dass er sich nach Kriegsende von derem brutalen Nazi-Aufseher im Kriegsgefangenenlager hat bestechen und ihn mit einem Goldschatz hat entkommen lassen. Wo er Vergebung suchte, schlägt ihm nur tiefe Abneigung entgegen, denn eigentlich hat Buck ihn eh nie gemocht. Wallace stirbt direkt nach der Beichte und Buck wird kurz darauf von dessen Schwiegersohn und dessen Priester bedrängt, sich auf die Suche nach dem Nazischatz zu begeben und diesen mit ihnen zu teilen. Erstens glaubt Buck aber nicht wirklich an das Gold und zweitens hat er viel mehr Lust darauf, auf seiner Couch zu sitzen und Talkshows zu gucken.

Angestachelt von seinem Enkelsohn Tequila begibt sich Buck dann aber doch auf die Suche nach seinem alten Feind und dem Nazigold. Schnell scheint ihre gemeinsam Suche von Erfolg geprägt. Doch als erst der Priester und dann weitere involvierte Menschen sterben und der Verdacht immer mehr auf seinen Enkel Tequila fällt, muss Buck Schatz sich auf seine alten Zeiten als Cop besinnen und die Dinge wieder in seine – leider mittlerweile doch sehr zittrigen – Hände nehmen.

Ist der Plot durchschaubar?

Rückblickend bin ich ab Mitte des Buches, so um den zweiten Mord herum, der Auflösung größtenteils auf die Schliche gekommen. Allerdings sind die Hinweise durchaus subtil und die Spannung bleibt auch bis zum Ende erhalten. Keine nervenzerreißende Spannung, aber sie motiviert schon zum Weiterlesen. Es ist ja auch mehr ein Roman, denn ein Krimi, nicht zu vergessen!

Was bleibt hängen?

 Wenn Kind wegen des Schatzes umgebracht worden war und der Feind jetzt Heinrich Ziegler im Visier hatte, sah ich keinen Sinn mehr darin, Vorsicht walten zu lassen. Der Tod kam näher und roch nach Krankenhaus. Nach Pflegeheim. Sinnlos, die Mauern weiter zu befestigen. Sinnlos, die Türen zu verbarrikadieren. Er ließ sich nicht abhalten.

Die Suche nach dem Nazigold ist für Buck Schatz auch ein Versuch, dem Alter kurzzeitig zu entfliehen oder sich die Möglichkeit zu erarbeiten, seinen Lebensabend nach seinen eigenen Regeln gestalten zu können.

Kann das weg?

Nein, „Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten“ ist ein unterhaltsamer (Kriminal-)Roman, der durchaus angenehm zu lesen ist und auch einige komische Passagen bereithält. Friedman hat durch kurze „Was ich mir merken will“-Abschnitte an den Enden einiger Kapitel ein schönes Stilmittel eingebracht, um das Buch wie eine persönliche Aufzeichnung des – sich vor der schleichend annähernden Demenz fürchtenden – Buck Schatz aussehen zu lassen. Denn dieses Buch ist doch auch vor allem ein Buch über das Älterwerden und die Angst davor, nicht mehr Herr seiner Selbst zu sein.

Leider muss ich aber sagen, dass das Buch nicht über gute Ansätze hinausgeht. Ich mag mich in letzter Zeit wiederholen, aber da wäre sicherlich mehr drin gewesen. Der auf den ersten Blick knurrige und bitterböse Buck Schatz ist im Grunde seines Herzens eben doch freundlich und gutherzig, die Story über einen Nazischatz doch insgesamt recht simpel gehalten. Die anfängliche Freude über diesen alten Kauz levelt sich im Laufe des Buches auf ein lediglich solides Maß guter Unterhaltung hinab.

Cui bono?

Wenn ihr kurzweilige, witzige Kriminalromane mögt, seid ihr hier richtig. Wer eher den etwas derberen Humor bevorzugt, kommt allerdings zu kurz.

Robin Sloan – „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ – Blessing, 2014

Bücher in denen es um Bücher geht: Kann etwas das bibliophile Herz noch höher schlagen lassen? Denn es gibt ja nichts schöneres für einen Buchliebhaber, als diese Liebe mit anderen zu teilen. Wenn ein Buch also gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Literatur ist (zu sein scheint), stürzen wir Buchnerds uns natürlich – nahezu irrsinnig grinsend – direkt darauf.

So wundert es dann auch nicht, dass ein Debüt-Roman sich solch regem Zuspruch erfreuen kann. Marketingtechnisch ist hier wohl alles richtig gemacht worden: Bücher auf dem Cover und das Wort „Buchhandlung“ im Titel – gekauft! Bleibt nur die Frage: Blendet die PR-Maschine oder haben wir hier eine wahre Liebeserklärung an die Welt der Bücher?

Wie schaut’s aus?

Bücher sind auf einem Buchcover natürlich immer willkommen. Wer genau hinschaut entdeckt aber auch noch einen Mac Plus und schräge Bücher, die scheinbar die Umrisse eines Gesichts bilden, welche beide im Verlaufe des Buches durchaus eine Rolle spielen werden… SEHR SCHÖN!

Robin Sloan die sonderbare buchhandlung des mr penumbra

Was steckt drin?

Clay Jannon braucht einen Job. Als Webdesigner eines Bagel-Restaurants gescheitert und ohne Aussicht auf einen Job in der Branche, bewirbt er sich auf eine Stelle als Buchverkäufer in der kleinen, durchgehend geöffneten Buchhandlung von Mr. Penumbra in San Francisco. Er bekommt die Stelle für die Nachtschicht und merkt schnell, dass diese Buchhandlung so gar nichts mit den ihm bekannten modernen Buchhandlungen gemein hat. Zu den wenigen neueren Büchern, die zum Verkauf stehen, gesellen sich mehrere Meter hohe Regale voll mit scheinbar uralten Büchern, die nicht verkauft, aber von einem kleinen Club sonderbarer Männer und Frauen ausgeliehen werden.

Als er die technophile Kat im Laden kennen lernt und ihr von den sonderbaren Vorgängen erzählt, planen die beiden den Geheimnissen des Mr. Penumbra auf die Spur zu kommen. Kat arbeitet bei Google und nachdem sie ein von Clay „ausgeliehenes“ Log-Buch, das die Besuche und die gelesenen Bücher der einzelnen Clubmitglieder beschreibt, dorthin gebracht haben, lassen sie es von einem vollautomatischen Buchscanner digitalisieren. Mehr und mehr kommen sie auf die Spur eines geheimen Bundes, des „ungebrochenen Buchrückens“, der auf der Suche nach der Formel für die Unsterblichkeit ist. Werden Clay und Kat der Buchhandlung ihre Geheimnisse entlocken können?

Was bleibt hängen?

… als Mr. Penumbra mir in die Augen sah und sagte: ‚Rosemary, warum magst du Bücher so gern?‘ Und ich sagte ‚Na ja, ich weiß nicht.‘ Sie klingt jetzt angeregt, fast mädchenhaft. ‚Ich schätze mal, ich mag sie, weil sie leise sind und ich sie in den Park mitnehmen kann.‘ Sie kneift die Augen zusammen „Er schaute mich nur an und sagte kein Wort. Also fuhr ich fort: ‚Na ja, also eigentlich mag ich Bücher so gern, weil sie meine besten Freunde sind‘

Rosemarys Aufnahmeprüfung in den ungebrochenen Buchrücken. Ich wäre wohl definitiv eines Novizen in diesem Bund würdig!

Kann das weg?

Diese Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen, aber ich fürchte: ja. Was eine wunderbare Liebeserklärung an die Literatur und die Welt der Bücher hätte sein können, verkommt zu einem Hochgesang auf Google und die unbegrenzten Möglichkeiten moderner Technologie. Selbst Mr. Penumbra besitzt mehrere Ebook-Reader und befürwortet den Einsatz von Technologie in der Literatur… Frau Passig hätte ihre wahre Freude an diesem Buch.

Dabei liest es sich vom Anfang weg toll, die Geschichte um den arbeitslosen Webdesigner, der in einer verschrobene Buchhandlung zu arbeiten beginnt, ist charmant und witzig, aber im Laufe des Buches verflacht sie immer mehr und endet mit einem Epilog, der jedem C-Movie-Abspann zu Ehren gereicht hätte. Den aber nicht einmal Tele 5 noch zeigen würde. Leider erzeugen auch die einzelnen Figuren keine wirkliche Sympathie, man kann sich hier mit niemandem wirklich identifizieren.

Hier wäre deutlich mehr drin gewesen! Oder um es mit den Worten von Jeremy Clarkson zu sagen: Ambitious, but rubbish! Ein großartig klingendes Projekt total in den Sand gesetzt.

Cui bono?

Google-Fans. Freunde einfach zu lesender, nicht zu anspruchsvoller moderner Romane.

Till Lindemann – „In stillen Nächten“ – Kiepenheuer & Witsch, 2013

Gedichte? Ehrlich? Will ich mir das wirklich antun? Na ja, erstens sind Gedichte ja nicht immer nur romantische Schmonzetten und zweitens handelt es sich ja hierbei um Gedichte von Till Lindemann. Ähm, Frontmann von Rammstein? Siehste!

Rammstein hat ja nicht nur durch ihre kraftvolle Musik und ihre gigantische Bühnenshow Ruhm auf der ganzen Welt erlangt – auch die Texte sind brutal einprägsam und suchen ihresgleichen. Lindemanns Liedtexte lesen sich wie skurrile Poesie, also liegt es doch nahe, sich auch seinen Gedichtband einmal genauer anzusehen.

Wie schaut’s aus?

Nun, auf den ersten Blick sehr gelungen. Weiße, schnörkellose Schrift auf tiefschwarzem Grund, mit den fast mythologischen Figuren im Zentrum. Allerdings offenbart ein zweiter, genauerer Blick schnell die Vorliebe des Zeichners für Geschlechtsmerkmale…Lindemann - In stillen nächtenWas steckt drin?

97 Gedichte von Till Lindemann, in Zusammenarbeit mit dem Herausgeber Alexander Gorkow in Form gebracht und mit Zeichnungen von Matthias Matthies illustriert.

Die Gedichte sind mal Vierzeiler, mal füllen sie zwei Seiten, mal stimmt das Versmaß, mal sucht man es vergeblich. Lindemann hält nicht viel von Grenzen, weder beim Reimschema, noch beim guten Geschmack.

Was bleibt hängen?

Dreimal täglich soll man essen

Post und pinkeln nicht vergessen

Weihnachten Pakete schicken

Einmal in der Woche ficken

Wer das für Poesie und nicht für einen pubertären Teenager-Reim hält, der möchte sich bitte bei mir melden, ich stelle ihm dann gerne mein Exemplar zur Verfügung.

Kann das weg?

Jep, leider ja. Manch Gedicht ist durchaus ausdrucksstark und regt zum kurzzeitigen Nachdenken an. Nur das vulgäre Gros in Verbindung mit den ausufernden Illustrationen von weiblichen und männlichen Geschlechtsteilen wirkt einfach nur befremdlich. Die Hauptthemen Gewalt, sexuelle Ausbeutung und abnorme sexuelle Begierde passen vielleicht zu starker Gitarrenmusik, aber leider nicht zu Lyrik in Buchform.

Ich weiß wirklich nicht, in welcher Selbsthilfegruppe die drei Beteiligten sich kennengelernt haben, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass deren Therapie vorzeitig und ohne Erfolg abgebrochen wurde.

Cui bono?

Das frag ich mich auch die ganze Zeit… Teenager, die einen neuen Spruch für das Poesiealbum eines nicht ganz so guten Freundes brauchen?

Paolo Roversi – „Milano Criminale“ – Ullstein, 2013

Italien: Pizza, Wein und Mafia. Also, objektiv betrachtet und natürlich komplett vorurteilsfrei sowie ganz und gar nicht klischeebehaftet. Na gut, vielleicht ein bisschen. Aber zumindest hält sich das Klischee auch schon seit dem Italien der 60er Jahre. Und das ist den Italienern bestimmt auch allemal lieber als heutzutage mit Berlusconi und Bunga Bunga in Verbindung gebracht zu werden.

Mailand ist eine Stadt der Kunst, der Bildung und der Wirtschaft. Und nein, nicht nur der Kunst des Bankraubs, der Bildung von Banden und der Wirtschaftskriminalität. Die Mailänder erwirtschaften ca. 9% des italienischen Bruttosozialproduktes und beherbergen 11% der italienischen Studenten. Ihre Stadt gilt als Zentrum der darstellenden Künste, zudem dürfte die Mailänder Fashion Week den meisten weiblichen Leserinnen ein Begriff sein. Den Männern natürlich eher der AC und Inter, denn Mailand ist auch eine sportverrückte Stadt. Und auf jeden Fall eine Reise wert!

Wie schaut’s aus?

Ein junger Mann vor der Skyline von Mailand, der Titel hebt sich stimmig vom Foto ab… passt! Roversi - Milano Criminale Was steckt drin?

Mailand in den 60ern, in der Glanzzeit des Verbrechens entscheiden sich zwei junge Männer aus dem gleichen Stadtteil für grundverschiedene Karrieren. Während der ältere Antonio die Laufbahn des Polizisten einschlägt, verfällt Roberto dem Lockruf des leichten Geldes und bestreitet mit Einbrüchen und Raubüberfällen seinen Lebensunterhalt.

Antonio schlägt sich in den kommenden Jahren mit stetig wechselnden Verbrecherbanden und der aufkommenden kommunistischen Studentenbewegung herum, derweil Roberto sich eine kleine Gruppe Ganoven aufbaut, mit denen er erst kleine Überfälle plant und nach kleineren Abstechern ins Gefängnis mit ein paar gewagten Coups an das große Geld gelangen will. Die gegensätzlichen Jobbeschreibungen der beiden führt unausweichlich zu einer dramatischen Konfrontation…

Was bleibt hängen?

Das Datum, das er auf einer weggeworfenen Zeitung im Rinnstein liest, brennt sich in sein Gedächtnis ein, der 27. Februar 1958: der Tag, der für alle anderen Mailänder als der >Tag des Bankraubs< in die Stadtchronik eingehen wird, ist für ihn der Tag seiner Berufung. Er ist noch keine vierzehn und doch hat er soeben entschieden, was er später einmal werden will: Bulle.

Wo Antonio schockiert ist von der Skrupellosigkeit des Verbrechens und beschließt, solche in Zukunft zu verhindern, ist Roberto fasziniert von der Aussicht auf schnelles Geld und ein aufregendes Leben als Ganove. An diesem Tag verknüpfen sich die Lebensbahnen der beiden Jungen unweigerlich.

Kann das weg?

Nein, auch wenn ich zwischendurch etwas unentschlossen war. Doch manchmal merkt man erst im Nachhinein, dass ein Buch einen gewissen Eindruck hinterlassen hat. „Milano Criminale“ ist ein Kriminalroman, aber auch eine historische Aufarbeitung der 60er Jahre in Italien, mit Einflüssen von Kommunismus und Kapitalismus, stets begleitet von der Musik dieser Zeit (Tatsächlich findet sich im Anhang ein Verzeichnis der im Buch erwähnten Musiktitel, so dass man sich schon vorab eine Playlist zusammenstellen könnte.).

Insgesamt liest sich das Buch wie eine Sammlung Episodengeschichten, hinter der ein übergeordneter Handlungsstrang dezent seinen Verlauf nimmt. Die Kampf der beiden jungen Männer ist auch eine Metapher für das zwiegespaltene Italien dieser Zeit, zwischen Vergangenheitsbewältigung und dem schwierigen Schritt in eine neue Zukunft.

Cui bono?

Anhänger und Kinder der 68er Generation, Liebhaber des alten Italiens, als Verbrechen noch romantisiert, in der Bevölkerung sogar nahezu gefeiert wurden.

Will Bingley/Anthony Hope-Smith – „Gonzo – Die grafische Biografie von Hunter S. Thompson“ – Tolkemitt, 2011

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„Grafische Biografie“? Was soll ich mir darunter vorstellen? Nun, hierbei handelt es sich um eine Comic-Aufarbeitung einer Lebensgeschichte, wahre Begebenheiten eingefasst in Zeichnungen von wichtigen Lebensereignissen des Protagonisten.

Außer dieser über Hunter S. Thompson konnte ich noch die Geschichte von Anne Frank als grafische Biografie entdecken. Das wäre dann doch wirklich mal eine Empfehlung für jüngere Generationen. Zudem gibt es welche über Johnny Cash, Fidel Castro und Hertzko Haft, allesamt von Reinhard Kleist.

Wie schaut’s aus?

Die Schrift erinnerte mich tatsächlich an Comictitel wie „Tim & Struppi“, die rennende Gestalt zeigt den allseits bekannten Hunter S. Thompson, der in der Verfilmung von  „Fear and loathing in Las Vegas“ von Johnny Depp verkörpert wurde.

gonzo hunter s. thompson

Was steckt drin?

Will Bingley und Anthony Hope-Smith skizzieren Hunter S. Thompsons literarisches Leben auf 188 ausdruckstarken Seiten, von seinen rebellischen Anfängen im Alter von 9 Jahren, über seine ersten journalistischen Schritte, seinem Kampf gegen das Establishment, bis hin zu seinem Selbstmord 2005.

Was bleibt hängen?

Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich durchaus ungern als Clown abgetan werde, der ständig auf irgendwelchen Drogen ist.

Ach, Hunter… der Clown geht natürlich gar nicht. Aber ansonsten… sei mal ehrlich…

Kann das weg?

Nein. Es ist zwar für mich ein völlig neues Format, aber es weiß durchaus zu gefallen. Hope-Smiths Zeichnungen sind schlicht, aber stimmungsvoll und verbinden sich mit den Worten Bingleys zu einem gelungenen Gesamtbild.

Die Entscheidung für Schwarz-Weiß-Zeichnungen war genau richtig, sie verstärkt die dramatischen Momente, von denen Hunters Leben ja auch genug zu bieten hatte.

Cui bono?

Hunter S. Thompson-Fans? Natürlich. Aber auch alle, die sich die angenehm wirre und mitreißende Lebensgeschichte eines der prägendsten Schriftsteller unserer Zeit im Schnelldurchlauf zu Gemüte führen mögen.

John Williams – „Stoner“ – dtv, 2013

Ich muss ehrlich behaupten, dass ich, als ich mir „Stoner“ ausgesucht hatte, auf den ersten Blick an einen Krimi oder Thriller dachte. Kennt ihr das, man greift zu einem Buch, in der Erwartung einer gewissen Geschichte, und entdeckt dann schon nach kurzer Zeit, dass es sich eigentlich um etwas ganz anderes handelt?

Gut, ich hätte natürlich auch den Klappentext lesen können, aber Titel und Umschlaggestaltung haben mir gefallen – und mich in die Irre geführt. Zu meinem Glück, denn wer weiß, ob ich mich „Stoner“ ansonsten tatsächlich zugewandt hätte.

Zuwendung hat dieser Roman auch lange Zeit nicht erfahren dürfen. 1967 erstmals erschienen, wurde er erst 2006 wiederentdeckt und 2013 also ins Deutsche übersetzt.

Wie schaut’s aus?

Auf den ersten Blick düster wie ein Thriller, aber doch auch passend für einen großen Roman.

Williams - Stoner

Die Komposition der Farben, das verschwommene Foto mit der Silhouette eines Mannes, der eine große Halle verlässt… einfach stimmig!

Was steckt drin?

William Stoner wächst Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn eines armen Farmers auf, sein Leben ist von harter Feldarbeit und Entbehrungen gezeichnet. Als im nahen Columbia eine Universität eröffnet wird, schickt ihn sein Vater in die Stadt, um Agrarwissenschaften zu lernen und mit dem gewonnen Wissen die Felder besser bestellen zu können.

Doch Stoner verfällt der Liebe zur Literatur, vernachlässigt die Agrarwissenschaften und kehrt nach Ende seiner Studienzeit nicht zurück auf die Farm seiner Eltern, sondern übernimmt eine Professur an der Universität, um nachfolgenden Semestern die englische Literatur näherzubringen. Als er sich in eine junge Frau verliebt und auch die Zustimmung ihrer Eltern zur Heirat bekommt, scheint sein Leben genau in die richtigen Bahnen einzuscheren. Doch Stoners Leben wird in allen Belangen ein Kampf bleiben, auch wenn er der ärmlichen Farm entkommen ist.

Was bleibt hängen?

Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigte, in der schwärzesten, kältesten Druckertinte – die Liebe, die er verborgen gehalten hatte, als wäre sie gefährlich und verboten, diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.

Was für ein Satz! Geht euch auch so das Herz auf, wenn jemand auf diese Weise von Literatur schwärmt? Ich glaube, man kann sofort erahnen, wie gewaltig und wunderschön Williams schreibt, mit welcher Verliebtheit er keine Sätze, sondern kleine Kunstwerke schafft.

Kann das weg?

Um Gottes Willen, nein! „Stoner“ ist der Inbegriff von Literatur, dieses Buch ergreift dich voll und ganz, nimmt deinen Geist gefangen mit seinen Worten, den brachial schönen Sätzen, diesem meisterhaften Blick fürs Detail. Und trotz dieses kunstvollen Schreibens schafft Williams es, sein Werk lesbar zu erhalten, es wird nicht anstrengend, wie manch anderer tiefgreifender Roman.

Stoner lässt uns nahezu körperlich an seinem Leben teilhaben, seiner Schüchternheit, seiner Neugier, seinem Glück, seinem Leid, seiner Liebe zur Literatur…er lässt uns über das gesamte Buch nicht los, bis zum Ende, wenn es Zeit wird, Abschied zu nehmen. Sein bescheidenes Leben wird durch Williams Worte zu einem ganz besonderen Dasein, ein großartiges Stück Weltliteratur!

Und definitiv eins der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe.

Cui bono?

Jeder, der des Lesens mächtig ist.

Martin Cruz Smith – „Tatjana“ – C.Bertelsmann, 2013

Klar, von sozialdemokratischer Politik war es nur ein kurzer Schritt zur sozialistischen Kriminalität unter dem Deckmantel einer neuen Demokratie. Ja, ergibt natürlich überhaupt keinen Sinn und gleicht sich nur in den Wortteilen „sozial“ und „demokrat“, aber ich fand, das wäre eine super Überleitung.

Was wirklich entscheidend ist: Wie gut können Altmeister des Krimis/Thrillers ihr Level halten, welche neuen Ideen kommen Ihnen in den Sinn, wie schaffen sie es, den Lesehunger ihrer Anhänger zu befriedigen? Martin Cruz Smith ist so ein Altmeister, ein Weltbestseller-Autor, seine Bücher über den Ermittler Arkadi Renko begleiten den Wandel Russlands vom Kalten Krieg bis in die heutige Demokratie. Also… „Demokratie“.

Wie schaut’s aus?

Von den Farben her gefällt’s, aber ich frage mich, ob diese – von einer Kugel durchschlagene – Scheibe nicht doch etwas zu plakativ ist.

Tatjana Martin Cruz Smith

Wirklich was mit dem Inhalt zu tun hat sie jedenfalls meiner Meinung nach nicht. Und bitte, bitte liebe Verlage, erspart uns Aufdrucke wie „Vom Autor des Weltbestsellers XY“, denn alleine das ist doch schon zumeist ein Indiz dafür, dass das betroffene Buch nicht an dessen beworbenen Vorgänger heranreicht.

Was steckt drin?

Nach dem Besuch der Beerdigung einer Mafia-Größe landet der Ermittler Arkadi Renko unbeabsichtigt in einer Demonstration, die die Aufklärung des als Selbstmord eingestuften Todes der Journalistin Tatjana Petrowna fordert und wird Opfer prügelnder Neonazis sowie den Neonazis zur Hilfe eilender Polizisten. Nachdem er sich von seinen Verletzungen erholt hat, macht Arkadi sich auf die Suche nach der mittlerweile verschwunden Leiche Tatjanas und versucht auf eigene Faust hinter den Grund ihres Todes zu kommen.

Das im Besitz von Tatjana gefundene Notizbuch eines ermordeten Dolmetschers scheint das Interesse zwielichtiger Parteien geweckt zu haben, obwohl es nur aus unlesbaren Hieroglyphen zu bestehen scheint. Als die Anzeichen sich verdichten, dass Kaliningrad eine zentrale Rolle spielt, nimmt Arkadis Suche nach den Hintermännern eine unerwartete und sein Leben bedrohende Wendung…

Ist der Plot durchschaubar?

Nein, denn worum es wirklich geht, wird einem erst spät gewahr. Das liegt aber auch daran, dass erst eine kryptische Botschaft entschlüsselt werden muss, bevor auch die Protagonisten auf die richtige Spur kommen können. Insofern dreht „Tatjana“ sich größtenteils eigentlich eher um die Jagd nach dem geheimen Schlüssel, als nach Tatajanas möglichem Mörder oder dem Grund ihres Todes.

Was bleibt hängen?

Menschen, die Selbstmord begingen, zählten Tabletten, starrten fasziniert auf das ausströmende Blut, sprangen schweigend aus großer Höhe. Sie schrien nur selten.

Die Umstände von Tatjanas Selbstmord machen Arkadi stutzig. Warum haben Nachbarn einen Schrei gehört? Wurde sie ermordet? Oder hat sie ihren Selbstmord inszeniert, um ihren Feinden noch im Tod ein Bein zu stellen?

Kann das weg?

Nicht ganz. „Tatjana“ ist ein durchaus solider Krimi, gut geschrieben und unterhaltsam. Trotzdem geht dem Ganzen doch ein wenig die Spannung ab, zu langatmig sind die Zwischensequenzen, zu kurz die Spannungsbögen. Man wartet geradezu das ganze Buch darauf, dass etwas passiert, dass Situationen entstehen, die einen packen und mitreißen. Aber selbst das große Finale – wenn man es denn überhaupt so nennen darf – fließt gemächlich vorbei.

Ich mag mittlerweile zu abgestumpft sein, aber ein Thriller ist das für mich definitiv nicht. In diesem Fall sollte man ein Buch schon nach seinem Einband beurteilen und wenn „Thriller“ drauf steht, sollte auch einer drin sein. Aber dafür kann Martin Cruz Smith ja (höchstwahrscheinlich) nichts…

Cui bono?

Freunde gut zu lesender, kurzweiliger Krimis, Freunde des Russlandkrimis.